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Oasen - Neue Ideen für Raststätten von Morgen

Oasis. 01 Ruhe/Raum/Rast

I.

Bislang standen Verkehrsbauten, zu denen die Raststätte als Bautypus unzweifelhaft gehört, unter dem Primat der Verbesserung von Beschleunigung. Je schneller, je reibungsloser, desto besser. Dies führte dazu, dass das Spezifische der Architektur, Raum, das Spiel von gebautem Element und umgebenden Freiraum vernachlässigt wurde. Das Rasten wurde zum kurzen, bewusstlosen Intermezzo bei der Überwindung des Raums von Punkt A zu Punkt B, in dem nur kurz und mechanisch unbedingt notwenige Bedürfnisse gestillt wurden: Tanken, Wasserabschlagen, Nahrungsaufnahme. Mehr Rast-Fabrik denn Rast-Hof oder -Stätte. Als Komplement dazu wird offenbar unbedingt Sentiment gebraucht: Liebevoll angebrachte Dekoration aus industrieller Produktion, die an Heimat und verlorene Vergangenheit gemahnt.

Die Beseitigung dieser Grundfehler wird zum Ausgangspunkt des Entwurfs. Das darf aber nicht Optimierung und Verbesserung einer bislang unbefriedigenden Situation bedeuten, sondern fordert zum Verwerfen von offenbar ganz falschen Ansätzen auf. Anstelle notwendige Nutzungen einfach linear in ein Raum- und Funktionsprogramm umzusetzen, wird versucht, bislang Ungedachten, auch Undenkbares in den Entwurfsprozeß aufzunehmen. Ereignis soll architektonische Gestalt annehmen: „Der Planungsprozeß verliert dadurch den linearen Charakter von ‘form follows function’ und geht in einen Prozeß mehrfacher Rückkopplungen über, mit einem Wort: er wird reflexiv.“ (Kuhnert, N., Schell, A.: Die Moderne der Moderne, in: Arch+ Nr.143)

Das Rasten soll seinen ursprünglichen Wortsinn zurückbekommen, aber dennoch den Anforderungen unserer Zeit entsprechen: Oase _ ruhe/raum/rast. Neue Möglichkeiten von Architektur sind zu formulieren.

Inmitten der absoluten Vereinzelung innerhalb der Beschleunigung wird versucht, die Rast als spezifisches Erlebnis öffentlichen Raums zu inszenieren. Dieser ist nicht, wie bislang, als dauerhaft und stabil erlebte Domäne des urbanen Raum, sondern wird zum im Vorbeieilen dem Reisenden zustoßendes Ereignis: Überraschung als Möglichkeit, neue Wahrnehmung zu generieren. Anstelle von Abfertigung von flüchtigem Bedürfnis kann der Reisende abschweifen, ausschweifen, sich im räumlichen Labyrinth der vertikalen und horizontalen Raumfolgen verlieren.

Scheinbar disparate Elemente wie Park und Tankstelle stehen nebeneinander, beinahe als unangenehm empfundene Ruhe neben der Raserei der modernen Reise.

II.

Der Wettbewerbstandort befindet sich an der zwischen Leipzig und Magdeburg verlaufenden neuen Autobahn A143, die kurz vor der Überquerung der Saale von der Landstraße L159 gekreuzt wird, die Richtung Halle führt.

Zwischen Kreuzung beider Straßen und Saale liegt  ein kleiner Ort, Salzmünde, der sein zerfasertes Siedlungsband aus dörflichem Kern, Wohnsiedlung und neueren Gewerbeflächen entlang des Flusses erstreckt, verzahnt mit dem stellenweise dichten, flussbegleitenden Auenwald.

Die Landschaft des in Zukunft von den neuen Straßen durchschnittenen Geländes wird durch das nur mäßig bewegte Relief der Leipziger Tieflandsbucht geprägt, bislang nahezu ausschließlich großflächig landwirtschaftlich bewirtschaftet und nur vereinzelt mit Wald bestanden. Der neue Rasthof soll nun auf einer 156.800 qm großen polygonalen Restfläche zwischen Autobahn und querender Landstraße entstehen.

Der Verlauf der Außengrenzen des Areals folgt keiner Logik, außer der Nachbarschaft zu den beiden Straßen. Es gibt nur ein Zuwegung, die als Zu- und Abfahrt dient. Dies unterscheidet das Areal vom linear geprägten herkömmliche Bautypus der Raststätte, in der nach der Einfahrt die einzelnen Funktionen wie Tanken, Toiletten und Rasthaus hintereinander aufgereiht stehen, abgeschlossen von der Ausfahrt auf die Autobahn.

Daher ist eine andere räumliche Interpretation des Areals möglich, macht sie sogar nötig. Zumal hier auf die Situation der Ortlosigkeit in der soeben entstehenden peripheren ‚Zwischenstadt’ des Ballungsraums Leipzig-Halle reagiert werden muß.

Die Fläche  wird im Entwurf als flächige Textur interpretiert, bestanden mit linear in diagonaler Richtung verlaufenden Baumreihen. Von der Umgebung ist das Areal durch einen mit Wasser gefüllten Graben abgegrenzt, der als Regenrückhaltebecken dient. In diese große, flächige Textur ist die Figur eines großen, flächigen Rechtecks eingebettet, die den Lärm der Straßen durch den Baumbestand absorbiert. Hier verlaufen organisch-linear die umlaufenden Verkehrsströme des Fahrverkehrs, eingeleitet durch die Tankstelle, die als schwebend-abgelöste Scheibe mit eingestellten kubischen Funktionsblöcken ausgebildet ist.

Die Funktionsblöcke sind als Tankstellenshop und Waschanlage mit Werkstattbereich definiert. Diese Elemente sollten als Stahlskelettbau mit eingesetzten Funktionsblöcken ( Shop, Lager, Personalraum) verstanden werden.

Auf dem Areal der Fahrspuren mit seitlich angelagerten, länglichen Parkplatzinseln erhalt die Anlage eine zweite lineare Ebene, die quer zur Längsachse der unteren Ebene angeordnet ist. Hier befindet sich eine Art Skywalk, die über vertikale Erschließungspunkte erschlossen wird, welche auf den zwischen den Parkflächen angeordneten Grünzügen nach oben führen. Die Erschliessung erfolgt über zweiläufige Treppen und behindertengerecht ausgebildete Aufzüge.

Es folgt ein lineares, mehrfach abknickendes Gebäude mit Ruhe- und Aufenthaltsfunktionen über zwei Ebenen.

Als Bauweise wird eine Konstruktion aus tragenden Stahlbetonwänden, mit Wärmedämmung und Vorsatzschale aus Sichtbeton vorgeschlagen. Die Dachlast wird über eingestellte Stahlbetonstützen abgeleitet, die Aussteifung erfolgt über die Innenwände.

Im abschließenden Parkareal um das Aufenthaltsgebäude kann sich der Besucher verlieren. Rast erhält hier ihre ursprüngliche Bedeutung zurück.

Zusammenfassend lässt sich das Programm des Entwurfs durch folgende Eigenschaften charakterisieren:

Beziehung zum Umland:

  • Randbereiche als Zwischenräume
  • Schaffung von Übergängen und Passagen
  • Verzahnung mit dem Umland bei deutlicher Definition von identitätstiftenden Grenzen

Bezug zur Topographie / Natur:

  • Einbettung
  • Annäherung
  • Künstliche Parklandschaft als Übergang und Grenze zum Naturraum

Innere Organisation des Areals:

  • Organisation durch klaren Umriss und deutlich formulierte Binnenfiguren
  • Orientierung durch gerichtete Geometrien
  • Definition von Raumfolgen als Hilfsmittel der Orientierung
  • Trennung des Fahrverkehrs vom fußläufigen in der Vertikalen
  • Schrittweise Verlangsamung als Angebot der Rast

Kommunikation:

  • Schaffung von Gemeinschaftsarealen als Angebote zur Kommunikation
  • Menschlicher Maßstab als Ausgangspunkt für die Dimensionierung von Freiräumen und Baukörpern
  • Einladende Gesten geben Perspektive des Verweilens: Entschleunigung

Räumliche Durchbildung:

  • Hinzufügen eines weiteren räumlichen Elements durch Vertikale: Aus der Fläche in die Dreidimensionalität

Horizontale und vertikale Schichtung als Organisationsprinzip: Nicht nur Ausdruck von Funktionstrennung, sondern Möglichkeit Ereignisse, Unvorhergesehenes zu generieren

Frank Daginnus

Letzte Änderung: 27.11.2013
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