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C|E|C - centro de esportes e cultura

Erläuterungsbericht

Vorwort

Mit Brasilien verbindet man zunächst meist Karneval, Samba, tropische Traumstrände und eine bunt gemischte weltoffene Gesellschaft. Doch zeigt das größte und aufstrebendste Land Lateinamerikas bei näherer Betrachtung seiner Metropolregionen auch seine immensen Schattenseiten: Rio de Janeiro als das wohl bekannteste Beispiel wird zerfressen von mittlerweile annähernd 700 Favelas in denen sich seit den 50er Jahren ein nahezu gesetzfreier Raum unter der Herrschaft diverser Drogenbanden formiert hat. Die staatliche Intervention beschränkte sich lange Zeit auf tatenloses zusehen bis heute wo mehr und mehr ebenso erbarmungslos handelnde Elitetruppen der Militärpolizei versuchen das Problem einzudämmen. Die Folge ist unschwer absehbar ein Teufelskreis aus Drogen, Gewalt, Hass und immensen Vorurteilen v.a. gegenüber den zumeist in Armut lebenden Favela Bewohnern, die im Endeffekt fast immer zwischen den Fronten stehen und kaum Anschluss an ein normalen Alltag in der formellen Stadt finden.

Ziel meiner Diplomarbeit war es dieses soziale Problem in einer Architektur zu verräumlichen, die versucht mittels dem Vermittlermedium Sport die verkrustete öffentliche Kultur der Stadt neu zu beleben und der Auflösung einer Gesellschaft mit einem synthesefähigen Raum entgegen zu wirken.

In meinem Entwurf schlage ich daher eine Plattform für sportlichen und kulturellen Austausch auf einem vollkommen neutralen Platz vor und verorte mein Gebäude im Guarana Bay vor dem bekannten und bei den Einwohnern Rios – den Cariocas – so beliebten Sport und Freizeitpark Parque do Flamengo. Hier findet sich am Strand ein Überbleibsel des brasilianischen Kulturraumes der noch nicht wie der restliche Großteil der Stadt durch Privatisierungen und zahlreiche Sicherheitsdienste seinen urbanen Charakter verloren hat. Daher greift mein Gebäude die Wegeachsen durch den breiten Park, der Stadt und Wasser, also Alltag und Freizeit klar voneinander separiert auf und ziehe die Besucherströme weiter auf eine neutrale Fläche weg von der mit sozialen Problemen und Vorurteilen der Stadt. Das Gebäude formt sich schließlich aus der Analyse der Benutzergruppen, die einerseits vielschichtig partikulär entgegenstehend zu sein scheinen, aber immer wieder auch offensichtliche Überschneidungscluster entwickeln. Der Bau greift diese Punkte wie selbstverständlich durch seine Form auf und bietet einerseits klar separierte Sportflächen die sich anhand ihrer Ausrichtungsanforderungen platzieren, andererseits bildet er dabei immer wieder Schnittflächen, an denen sich Nutzflächen überlagern. Dadurch erhält der Bau eine räumliche Ambivalenz und Verkehrsflächen werden zu Nutzflächen die sich durch die kollektive Bespielung der Nutzergruppen zu einem multikulturellen Kommunikationsraum entwickeln.

Der Entwurf versteht sich als ein nichtöffentlicher öffentlicher Raum, das bedeutet er ist sich seiner Aufgabe als urbanes Experimentierfeld für soziales Miteinander bewusst. Die Kontrolle der Besucher ist dabei von hoher Notwendigkeit, so wird der Besucher gleich noch an Land vor Betreten des Steges der auf den Bau hinzuläuft, durch eine Sicherheitsschleuse geschickt ohne die er das Gebäude nicht betreten darf. Dies wird absolut notwendig, einerseits um zu garantieren das der neutrale Raum auch neutral bleibt und andererseits um die sozialen Unterschiede der Nutzergruppen auf gewisse Weise zu nivellieren indem sozusagen die soziale Hülle an Land zurückgelassen wird.

Im Inneren organisiert sich der Bau über einen zentralen großen Erschließungskern und weitere in den einzelnen Gebäudeflügeln befindliche Treppenhäuser. Die Intention des Wegenetzes ist dabei natürlich auch den Besucher praktisch immer wieder in das Zentrum zu locken, wo Eingang, Lobby, Erschließungskern und multifunktionale Flächen wie auch zahlreiche Blickbezüge in alle Bereiche bestehen. Denn hier ist das multikulturelle Herz des Baus, welches in einer völlig flexibel nutzbaren riesigen Plattform seine architektonische Umsetzung findet. Der Entwurf agiert frei mit verschiedensten Elementen die Assoziationen zur brasilianischen Moderne ebenso wie zum Brutalismus oder Industriearchitektur zulassen. Somit lenkt er den Fokus darauf wie und durch welche Nutzer ein Raum belebt wird.

Die Sportfelder sind dabei immer in der Lage sich selbst zu organisieren, das heißt das ein einfaches Prinzip der Flächennutzung zum raumprogrammatischen Vokabular für das ganze Gebäude wird: Sportflächen besitzen vordefinierte feste Längen, Breiten und Höhen und sind somit einer stringenten Definition unterzogen die unabänderbar ist. Was sich aber ändern lässt sind die daran angrenzenden Flächen: daher splitte ich in meinem Konzeptionsprinzip die einzelne Fläche einfach auf und definiere die Nebenflächen neu: als selbstverwaltende Räume mit Duschen/WCs und auch vermietbaren Einheiten für Sport aber auch Sozialvereine, die es ermöglichen das Projekt auch theoretisch finanzierbar zu halten. Im Umkehrschluss zeigt dieses Prinzip auch das Sport für den architektonischen Entwurf schlussendlich ein Vermittlermedium ist, den ich nutze um den eigentlich wichtigen Bereich neben diesen Flächen, also Bereiche in denen sportinteressierte Zuschauer aller sozialer Gruppen sich begegnen, zu stärken.

Diese Formulierung wird auch in der städtebaulichen Ansicht des Gebäudes wiedergegeben: die Sportfelder wirken wie in das restliche Gebäude eingeklinkt. Somit wird die Kultur, also das vom kollektiv Geschaffene zum wichtigen Träger des Sports, der beinahe auswechselbar darin hängt und „nur“ vermittelndes Medium ist.

Um den öffentlichen Charakter des Gebäudes weiter zu stärken wurde einerseits auf eine 100%ige thermische Hülle verzichtet und andererseits auf Materialitäten gesetzt, die stark industriell geprägt sind. Damit ist erstens gemeint, dass der Bau neben den klimatischen Begebenheiten keinen wirklichen Allwetterschutz benötigt und daneben als öffentlicher Raum so auch besseren Ausdruck finden kann, indem viele Blickachsen entstehen und die Öffnung nach Außen betont wird. Die gewählten Materialien unterstützen dabei noch mehr die gewollte Hinwendung zum brasilianischen Großstadtbild und den starken Kontrasten: nicht hochglanzpolierte Flächen und edle Haptik sondern multifunktionale industriell gefertigte Elemente bestimmen den Raum. Funktionale Einbauten sind dabei keineswegs kleinteilig sonder beinahe immer geradezu überdimensioniert, so wird die Verschattung nicht pro Fensterpanel sondern als ganzes Fassadenelement bewegt und aus einem TransportLifter wird eine SuperLifterPlattform ausrangiert aus einem Flugzeugträger, die als Bühne, Schwerlasttransportlifter, als Eventbereich aber auch als Helikopterplattform für Notfälle funktioniert. Die Sportbereiche nutzen dagegen als Kontrastierung ein buntes Farbkonzept in Anlehnung an das breit gefächerte Benutzerspektrum um die Orientierung in dem mit knapp 20.000 qm Komplex zu garantieren.

Meine Intention war es unterschiedliche Stimmungen zu erzeugen, die mit jeweiliger Aktivität und Nutzung einhergehen und den urbanen Charakter (wenn auch von einer baulichen Struktur umgeben) einzelner Funktionsflächen zu betonen um so mittels dem Sport die kulturelle soziale Realität der Stadt mit frischen Impulsen zu versetzen. Dies soll im Idealfall natürlich dazu führen, dass diese gelebte kollektive Synthese im Gebäude von den Cariocas mit nach Außen ‐ zurück in den Alltag, zurück in die Stadt – mitgenommen wird und so wieder die urbane Kulturgesellschaft in sichtbare Nähe rücken kann.

Schlusswort

In Vorbereitung auf diese Diplomarbeit stellte ich mir die Frage, ob Architektur in der Lage ist, soziale Problemfelder mittels einem Vermittlermedium auf positive Weise zu beeinflussen.
Rückblickend auf den Entwurfsprozess muss ich diese Frage von zwei Standpunkten aus betrachten: einerseits interessiere ich mich nach wie vor für die Fragestellung ob Architektur also so weit gehen kann, dass man sagt, sie beeinflusst uns soweit das sie beinahe aktiv Einwirkung nimmt auf soziale Prozesse. Andererseits bin ich mir der kontroversen These die damit aufgestellt wird absolut bewusst und mir ist klar, dass ein solches Projekt nur dann funktionieren kann, wenn in gewisser Weise an das Gute im Menschen appelliert wird und man als gesetzten Parameter die Bereitschaft der Besucher für das Wagnis, dass diese experimentelle urbane Plattform mit sich bringt, bereits vorweg definiert.

Philipp Schlauch

Letzte Änderung: 27.11.2013
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