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Ålgard Arbeidskirke

In Ålgård bei Stavanger im Südwesten Norwegens ist schon seit einiger Zeit der Bau einer neuen Kirche im Gespräch. Ein kleinerer Skizzenwettbewerb brachte nur wenig Bewegung in dieser Sache. Nach Rücksprache mit den Behörden vor Ort stellte sich heraus, dass eine neue Kirche tatsächlich demnächst geplant werden soll.

Der Ort

Ålgård ist das Zentrum der Gemeinde Gjesdal in der Provinz Rogaland. Innerhalb der letzten Jahrzehnte, vor allem aber ausgelöst durch den Ölboom seit Ende der 60er Jahre in dieser Region, stieg die Bevölkerungszahl auf das 3fache an.

2008 wurde ein neuer „Bebauungsplan“ verabschiedet, der sowohl ein neues Industriegebiet im Süden aufwies um die Stadt zu erweitern, als auch die Schaffung eines „neuen besseren“ Stadtzentrums verlangte. Dazu wurde bis heute schon eine der wichtigsten Haupterschließungsstraßen im Zentrum leicht verlegt. Das Zentrum wurde damit in eine historische Westseite mit Wohnbebauung, Kirche und altem Bahnhofsgebäude und eine städtische Ostseite mit Einzelhandelsflächen und Sportflächen geteilt. Dieses Areal soll in Zukunft auch neu beplant werden. Wie oben erwähnt, gibt es bereits eine Kirche in Ålgård. Sie ist 1917 errichtet worden und zählt zu den Holzkirchen des Jugendstils. Südlich dieser Kirche befindet sich momentan eine Schotterfläche, die als Parkplatz genutzt wird, im Bebauungsplan aber als zukünftiges Grundstück der neuen Kirche sowie als Friedhofserweiterung ausgewiesen ist. Erste Grabreihen sind bereits vorhanden.

Warum aber eine neue Kirche planen, wenn bereits eine vorhanden ist?

Nach ausführlicher Prüfung stellten sich folgende Vorteile einer neuen Kirche heraus. Zum einen war die Kirche zu Ihrer Bauzeit für 2000 Einwohner dimensioniert worden. Heute gibt es mehr als 9000 Einwohner im Einzugsgebiet, für die die Kirche schlicht weg zu klein ist. Der Bauzustand ist nicht beunruhigend, jedoch dem gewünschte Nutzerprogramm auch nicht zuträglich. In der heutigen Zeit wird v.a. im öffentlichen Bereich sehr viel Wert auf behindertengerechtes Bauen und die Integration aller Altersklassen Wert gelegt. In der bestehenden Kirche gibt es zu viele Barrieren, als das man sie für jeden zugänglich betrachten könne. Im Zuge des Neubaus wünscht sich die Gemeinde außerdem ein Zentrum, welches nicht nur kirchlich, sondern auch kulturell und sozial genutzt werden kann – eine Arbeitskirche also. Die Gemeinde wünscht sich ein modernes Gebäude, welches aber dennoch die Bautradition wiederspiegelt und auch noch als Kirche erkennbar sein soll. In der Phase der Ideenentwicklung kamen zu diesen Anforderungen noch der energetische Aspekt. Woraufhin die Kirche im Niedrigenergiebereich geplant wurde.

Der Entwurf

Es stellte sich heraus, dass das vorgegebene Grundstück nicht ideal ist, um eine neue Kirche in unmittelbarer Nähe zur Bestehenden zu entwickeln. Eine leichte Verschiebung innerhalb des Kirchenareals rückte den Neubau in die Achse zum Bestand und wertete diesen und den östlich liegenden historischen Bahnhof auf, in dem ein neuer Hof zwischen den Gebäuden entsteht.

Die Form des Entwurfs entstand aus der Ausnutzung des zum Raumprogramm relativ kleinen Grundstückes sowie die energetischen Betrachtungen. Um die außergewöhnliche Form in die umgebende Bebauung einzupassen, wird der Neubau holzverschalt, und an wenigen Stellen gezielt mit Glaselementen geöffnet.

Die Ebenen

Die Arbeitskirche ist vertikal in 2 Bereiche geteilt. Auf Straßen und Kirchplatzniveau befindet sich der kirchliche Teil, darunter die Gemeindeebene. Diese ist allseitig verglast und zu einem abgegrenzten Außenbereich geöffnet. In dieser Ebene befindet sich ein Saal mit Bühne für Veranstaltungen, der sich durch eine komplett zu öffnende Fassade in den Außenraum erweitern lässt. Weiterhin ist ein Café mit Nebenräumen sowie die Sanitäranlagen und ein Bürotrakt mit Gruppen- und Musikprobenraum untergebracht. Auch die Haustechnik findet hier ihren zentralen Punkt. Im Kirchengeschoss gelangt man über den Haupteingang und ein Foyer in den Kirchenraum, welcher mehr als 500 Personen fasst. In der Nebenraumzone befindet sich ein Raum für den Kindergottesdienst, sowie eine Garderobe und Abstellmöglichkeiten für Kinderwagen. Über das Treppenhaus und den Lift erreicht man in der Nebenraumzone noch weiter 3 Etagen, die die Empore, den Chorraum, einen Raum für Licht- und Tontechnik sowie die Glocken unter dem Dach beinhalten. Einzig die Sakristei ist aus diesem Komplex ausgelagert und befindet sich in der unteren Ebene. Dadurch liegt sie in unmittelbarer Nähe zum Altar aber nicht sichtbar, und dennoch an einem sehr bedeutenden Ort im Gebäude: der Spitze, wo der Hauptträger der Konstruktion “geerdet“ wird.

Das Tragwerk

Die Kirche wird wie ihr Gegenüber aus dem 20. Jahrhundert auch aus Holz entstehen, da dies in Skandinavien ein Baustoff mit Tradition und regionalem Ursprung ist. Außenwände und Decken bestehen aus Holzstegträgern mit Zellulose als Zwischendämmung, um einen möglichst geringen Aufbau mit sehr guten Dämmwerten zu erzielen. Die gebogenen Außenschalen werden von Brettschichtholzträgern und einem Firstträger getragen.

Das Licht

Der Kirchenraum wird von zwei Lichtbändern erhellt, die dem Rückgrat des Gebäudes folgen. Zum einen wird damit der Gang beleuchtet. Jedoch viel wichtiger ist, dass der Altar in ein sakrales Licht gehüllt wird. Auch an der nördlichen Portalfassade gibt es Lichtbänder, welche die Nebenraumzone natürlich belichten und den Entwurf unterstützen. Dieser Streifen wird im Inneren an der trennenden Wand zwischen Nebenräumen und Kirchenraum wiederholt, um einen Bezug zueinander zu schaffen und eine weitere Lichtquelle in die Kirche zu integrieren, da diese an sich sehr dunkel gehalten ist. Das Tageslicht allein kann die Kirche nur selten komplett erhellen. Bodenspots, beidseitig der Träger unterstützen die Wirkung der Konstruktion und der Klarheit des Raumes. Ein künstliches Lichtband entlang des Hauptträgers zeigt dessen Bedeutung auch bei Dunkelheit an und führt den Blick des Betrachters zum Altar.

Die Akustik

Durch die Krümmung der Außenwände konnte nicht nur das Volumen zum Energiesparen reduziert werden, sondern auch die Akustik verbessert werden. Eine akustische Analyse zeigt die positive Annäherung an die klangvollen Verhältnisse unter Kuppeln.

Die Energieversorgung

Da eine für den Passivhausstandard benötigte solare Energiezufuhr aus geografischen Gründen nicht gegeben ist, wurde die Kirche auf Niedrigenergieniveau geplant. Die Hauptenergiezufuhr leistet eine Wärmepumpe, welche über 6 Bohrungen mit Wärme aus dem Erdreich versorgt wird. Beheizt wird das Gebäude mittels einer Fußbodenheizung, v.a. in den Hauptnutzungsräumen. Heizschlangen in der Außenwand schützen vor einem Kaltluftabfall an der gekrümmten Fassade. Eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung spart nicht nur Energie sondern versorgt die Menschen auch mit frischer Luft. Der benötigte Strom wird aus dem normalen norwegischem Netz genutzt. Da dieser zu über 99 % aus Wasserkraft stammt, kann dieser unbedenklich in die Ökobilanz einfließen.

Das Material

Unter ökologischen Gesichtspunkten wurde ein norwegischer Hersteller für Holzveredelungen gewählt. Die Firma Kebony entwickelte in den letzten Jahren ein ökologisches Verfahren, bei dem Bauelemente so bearbeitet werden, dass sie vor Witterungen und Schädlingen geschützt sind, ohne in irgendeiner Weise chemisch oder physikalisch behandelt werden zu müssen. Außerdem sind diese Hölzer härter und belastbarer. Als Dämmstoff wird Zellulose verwendet, der in Massen durch die holzverarbeitende Industrie in Norwegen vorhanden ist.

Barrierefreies Bauen

Der „livsløpstandard“ regelt die gleichberechtigte Nutzbarkeit von v.a. öffentlichen Gebäuden in Norwegen. Nicht nur auf Behinderte, sondern auch Personengruppen mit besonderen Bedürfnissen wird hierbei Rücksicht genommen. Personen aller Altersgruppen wird die Nutzung des Gebäudes durch verschiedene Maßnahmen vereinfacht. So sind zum Beispiel ebene Zugänge, Lifte und Rampen, Bewegungsflächen und Toiletten auf Gehbehinderte Menschen angepasst. Farb- und Materialunterschiede erleichtern Sehbehinderten die Nutzung. Für Hörbehinderte gibt es eine Induktionsanlage sowie ein W-Lan-Netz um Verständigung zu ermöglichen. Und auch ältere Menschen schätzen einige dieser und noch weiterer Vereinfachungen. Auf Familien mit Kindern wird mit einem Abstellplatz für Kinderwagen, einem angrenzenden Raum für Kindergottesdienste sowie Spielbereichen im Innen- und Außenraum eingegangen.

So wird die neue Arbeitskirche zu einem Ort, des einander Verstehens, des Aufeinanderzugehens und sich Treffens.

Juliane Dobers

Letzte Änderung: 27.11.2013
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